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Wo Macht scheinbar zur Rettung wird - Gedanken zur 3. Versuchung Jesu

Asche-Kreuz
Datum:
23. Feb. 2026
Von:
Markus Dörstel

Deutschland, Europa, die Welt befinden sich im Wandel. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und eine als instabil erlebte Weltordnung verunsichern und fordern Politik und Gesellschaft heraus. Der aktuelle Deutschland-Monitor 2025[1] zeigt: Die meisten Menschen sind grundsätzlich bereit, notwendige Veränderungen mitzutragen. Gleichzeitig wächst die Verunsicherung – besonders dort, wo Menschen seit Jahren erleben, dass Lebensverhältnisse ungleich bleiben und politische Versprechen als unerfüllt wahrgenommen werden.

Dieses Erleben führt zunehmend zu Skepsis gegenüber demokratischen Prozessen. Autoritäre Vorstellungen gewinnen an Zuspruch. Bundesweit zeigt sich etwa jeder Fünfte empfänglich für ein autoritäres Weltbild. Konkret stimmen knapp zwei Prozent der Befragten drei Aussagen voll zu: dass unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform sei, dass politische Entscheidungen von einer starken Führungspersönlichkeit ohne Rücksicht auf das Parlament getroffen werden sollten und dass Deutschland eine einzige starke Partei brauche. Das sind, so könnte man sagen nur zwei Prozent, aber 21 Prozent zeigen zumindest eine gewisse Offenheit für diese Denkweise.

Das ist bei weitem keine Mehrheit der Bevölkerung, aber es ist ein Warnsignal. Viele Menschen empfinden Demokratie nicht mehr als handlungsfähig, sondern als langsam ungerecht und als überfordert. Wo Prozesse kompliziert erscheinen und Entscheidungen als wirkungslos erlebt werden, wächst die Versuchung, Verantwortung abzugeben – an klare Strukturen, starke Figuren und einfache Lösungen.

Diese Versuchung ist nicht neu. Sie ist so alt wie die politische Geschichte – und sie begegnet uns in verdichteter Form auch im Evangelium des ersten Fastensonntags. (Mt 4, 1-11)

Diese Versuchung wir im Evangelium vom ersten Fastensonntag  auch an Jesu herangetragen. Ihm werden „alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht“ gezeigt und ihm wird vom Versucher angeboten: „Folge meiner Logik und meinen Werten („bete mich an“), dann wirst Du die Macht über die ganze Welt haben. Das Angebot ist wirklich verführerisch: umfassende Macht, frei von Widerständen. Mit dieser Macht ließe sich Ordnung schaffen, Leid beenden, das Gute durchsetzen. Keine Rücksicht mehr auf die Langsamkeit menschlicher Einsicht, keine Geduld mit der Freiheit anderer keine mühsamen Aushandlungsprozesse. Nur Entscheidung – von oben.

Die Versuchung ist hoch attraktiv, weil sie einem moralischen Anspruch Raum gibt. Sie argumentiert mit Verantwortung: Wenn du die Macht hast, warum nutzt du sie nicht um die Welt zu einem besseren Ort zu machen? 

Aber Jesus weist dieses Angebot zurück. Nicht, weil ihm die Welt gleichgültig wäre. Sondern weil er weiß, dass Macht kein neutrales Instrument ist. Macht verändert nicht nur Strukturen, sie verändert die Menschen, die sie ausüben. Wer glaubt, das Gute mit Macht erzwingen zu können, beginnt unweigerlich zu definieren, was gut ist – und wer dazugehört. Wer gehört werden darf – und wer übergangen werden kann. Die Geschichte zeigt immer wieder, wie aus dem Wunsch, die Welt zu retten, Systeme der Unterdrückung entstanden sind. Immer mit guten Gründen. Immer im Namen eines höheren Ziels. Und immer auf Kosten von Menschen, diesem hehren Ziel scheinbar nicht in dienen.

Die Ergebnisse des Deutschland-Monitors zeigen, wie aktuell dieses Thema ist. Wo Menschen den Eindruck haben, dass ihre Stimme und Meinung wenig zählen, wächst ihre Bereitschaft, sich nach starken Lösungen umzusehen. Die Demokratie verliert ihre innere Zustimmung. Dabei ist die Sehnsucht nach Autoritäten keine Folge von erlebter eigener Stärke, sondern von erlebter Ohnmacht.

Dem stellt Jesus im Evangelium ein anderes Verständnis von Wirksamkeit entgegen. Jesus verkündet das Reich Gottes nicht als politische Herrschaft, nicht als religiöses System und nicht als effiziente Steuerungsinstanz. Er setzt auf eine andere Logik: auf Vertrauen statt Kontrolle, auf Beziehung statt Durchgriff. Das Reich Gottes wächst nicht durch Zwang, sondern durch die Würde des Einzelnen.

Auch Demokratie lebt von diesem Denken. Sie ist keine perfekte Ordnung, sondern eine zerbrechliche Praxis. Sie verlangt Geduld, Beteiligung und die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten. Ihre Stärke liegt nicht in der Schnelligkeit von Entscheidungen, sondern darin, dass sie Menschen nicht durch bessere oder andere Menschen ersetzt oder sie im Zweifel für das Wohl aller beseitigt, sondern ernst nimmt. Sie traut ihnen zu, Verantwortung zu tragen – gemeinsam, manchmal widersprüchlich, und immer unvollkommen, weil menschlich.

Die dritte Versuchung Jesu stellt uns eine ziemlich unbequeme Frage: Vertrauen wir einander noch genug, um Freiheit auszuhalten? Oder sehnen wir uns nach Erlösung durch Macht? Wollen wir durch Mächtige gerettet werden – oder verantwortlich bleiben?

Jesus’ Nein zur Macht ist kein Rückzug aus der Welt. Es ist ein Ja zu einer Welt, die nicht durch Vereinfachung besser wird, sondern durch Vertrauen. Die Fastenzeit lädt ein zur Metanoia: anders zu denken über Gott, über Macht und über uns selbst. Jesus zeigt einen Weg, der anstrengender ist als machtvolles Handeln und langsamer als die autoritäre Lösung – aber menschlicher. Nicht jede Langsamkeit ist ein Fehler. Manchmal ist Langsamkeit der der Preis der Würde des Menschen.

 

Pastoralreferent Markus Dörstel


 
[1] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/deutschland-monitor-100.html