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Frohe Weihnachten!

Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Jahreswechsel!
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Datum:
24. Dez. 2022
Von:
Pfarrer Jochen Thull

Jesus wurde geboren. An Weihnachten feiern wir seine Geburt. Doch wie war seine Geburt?

War es eine schwere oder eine leichte Geburt?

War eine Hebamme oder Ähnliches in der Nähe?

Hat Maria bei der Geburt geschrien? Oder hat sie die Schreie unterdrückt?

Hat Josef ihre Hand gedrückt? Oder konnte er das alles nicht mit ansehen?

Hat Maria gebetet – oder Josef? Haben sie beide ein Stoßgebet in den Himmel geschickt?

War Maria bei der Geburt ängstlich oder vertrauensvoll?

Verzweifelt oder versichert? Misstrauisch oder zuversichtlich?

War Maria die Ruhe selbst oder voller unruhiger Geister?

War Maria von Gott getragen oder von allen guten Geistern verlassen?

Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, wie wir es erfahren oder beweisen können.

Was wir können, ist darauf zu vertrauen, dass Marias Geburtswehen eine neue Welt in uns geweht hat – 

soweit Gedanken von Peter Schott* zum Weihnachtsgeschehen. 

 

Was wissen wir schon von der Geburt Jesu - über die theologischen Aussagen der Bibel, manche festgelegten Frömmigkeits- und Deutungsgeschichten hinaus? Ehrlich geantwortet, doch recht wenig. Keiner von uns, ja nicht einmal die Evangelisten Lukas oder Matthäus waren dabei, als „Maria den Neugeborenen Jesus in eine Krippe legte, weil in der Herberge kein Platz für sie war“ (Lk 2,7). 

Der Satz „weil in der Herberge kein Platz für sie war“, hat eine Deutungsgeschichte von Ablehnung, Abweisung, einem garstigen Herbergswirt, einer Geburt in Einsamkeit und Kälte, von Menschen verlassen und verachtet in Liedern und Krippenspielen bis heute freigesetzt, obwohl davon so nichts in der Bibel steht. Lediglich – es war kein Platz in der Herberge. 

Ich lade Sie ein sich eine Herberge – besser gesagt Karawanserei, Unterkunft für Reisende - der damaligen Zeit vorzustellen: Da ist der Gastraum zum Essen und Trinken, daneben ein riesiger Raum für die Reisenden, den man sich als Massenlager vorstellen muss -  Etagenbetten eng aneinandergestellt wie heute noch in einfachen Pilgerunterkünften auf dem Jakobsweg oder Turnhallen, als Notbehelf für Flüchtlinge oder Betroffene von Brand- und Naturkatastrophen. Dahinter ein großer Raum mit Einzelstellplätzen und gemauerten Futterkrippen (frisches Heu und frisches Wasser) für die Tiere (Kamel, Esel, Pferd, Ochse) der Reisenden. Vielleicht hat der Wirt Maria und Josef gar nicht abgewiesen und verjagt, sondern fürsorglich versucht, das Beste aus der misslichen Situation zu machen: Der Wirt hat erkannt, dass eine übervolle Massenunterkunft nun wirklich kein guter Platz ist, um ein Kind zur Welt zu bringen. Dafür braucht es einen Ort, an dem die Mutter in Ruhe gebären und das Kind dann in einer halbwegs geschützten und warmen Umgebung betten und stillen kann. Also räumt er eine Futterstelle, eine Futterkrippe frei als Rückzugsort, eine warme und weiche Umgebung und frisches Wasser. Und wer sagt, dass nicht helfende Hände bei der Geburt dabei waren – vielleicht die Frau des Wirts, eine Hebamme unter den Reisenden, die letztlich gut für Mutter und Kind gesorgt haben und dann mit dem ein oder anderen Zaungast die frisch gebackene Familie rührend angeschaut haben – stolz, ein Menschenkind unter diesen Umständen zur Welt gebracht zu haben.

Erst die Ankunft der Hirten öffnet den Beteiligten die Augen, erst ihre Nachricht darüber, was gerade mitten unter ihnen passiert ist, lässt das Ganze in neuem Licht erstrahlen: „So eilten die Hirten hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war: Euch ist heute der Retter geboren. Es ist der Christus, der Herr. Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. (Lk 2,15-20)

Alle, die es hörten, das klingt nicht nur nach Maria und Josef. Es müssen noch andere Menschen an der Krippe gewesen sein – Menschen, die schwierige Situationen und Not zusammenbringen, Menschen, die Hilfsbereitschaft hervorbringen, Menschen, die kreativ sind und in einer furchtbaren Lage das Beste für andere daraus machen – wie so oft, wenn Menschen erleben, dass nichts mehr so läuft, wie es eigentlich laufen sollte, wenn Ideen, wie das Leben zu laufen hat, an Grenzen stoßen, wenn ungewöhnliche Lösungen Hilfsbereitschaft, Unterstützung und Solidarität freisetzen. 

Was wissen wir schon? Außer dass Gott auch heute mitten in unsere Welt geboren werden will, auf unsere Unterstützung angewiesen ist und uns vertraut, damit die Botschaft der Weihnacht auch jetzt Wirklichkeit wird: Fürchtet Euch nicht! Euch ist heute der Retter geboren.

Alle, die es damals hörten, staunten über die Worte der Hirten. Was wir wissen oder zu wissen meinen, ist die eine Seite der Weihnachtswirklichkeit. Das Staunen und Vertrauen, dass Gott auch jetzt der Immanuel, der Gott mit uns ist, die Seite der Weihnachtswirklichkeit, die hoffen lässt auf eine gute Zukunft.

Ich wünsche Ihnen auch im Namen des Pastoralteams und aler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Übergang ins Neue Jahr 2023

Jochen Thull, Pfr.

 (*aus: Ideenwerkstatt Gottesdienste Nr. 1/2023, S.64, Herder-Verlag)